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LVT NRW
Landesverband
der Taubblinden
Nordrhein-Westfalen e.V.

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Die Entstehung der Selbsthilfegruppe für Hör- und Sehbehinderte Menschen und deren Angehörige im Gehörlosenzentrum Recklinghausen Oerweg 38

Ein Bericht von Maria-Magdalena Besten

Als ich (Maria-Magdalena Besten), von Beruf Erzieherin, meine Tätigkeit im Kindergarten im Dezember 1993 aufgab, um meine 3 behinderten Geschwister zu betreuen, von der eine Schwester nun mehr pflegerische Hilfe benötigte, hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, für meine beiden gehörlosen Geschwister Annelie und Michael Hilfe zu suchen. Zu ihrer Gehörlosigkeit stellte es sich heraus, dass sie am User-Syndrom erkrankt waren und in näherer Zukunft erblinden würden. Bei der Suche nach Gleichgesinnten gab es in ganz NRW nur einen Blindenverein, der sich auch den taubblinden Menschen annahm. Der Verein hatte hauptsächlich Mitglieder, die aufgrund des höheren Alters dort waren, die geringen Zahl an taubblinden Menschen, das Lormen (ein Hand-Tast-Alphabet) nicht nutzten und kannten, sondern die Kommunikation hauptsächlich über das gesprochene Wort lief, waren diese Kontakte für meine Geschwister und mich, nicht zufriedenstellend. Dann bekam ich eine Information, das es in der Schweiz einen internationalen Förderkurs für taubblinde Menschen gibt und ein blinder Herr Dr. Herbert Meyer aus München die Anmeldungen annahm.

So kam es, dass ich Anfang des Jahres 1994 zum ersten Mal mit meiner schon stark sehbehinderten und gehörlosen Schwester Annelie, sowie mit dem taubblinden Thomas Müller aus Oer-Erkenschwick dort erstmalig teilnahm. Es war ein beeindruckendes Erlebnis. Es gab für jeden taubblinden Menschen eine Begleitperson. Wir waren nicht mehr alleine. Beeindruckend war die Größe der Gruppe. Aus Italien, Österreich, Deutschland, Frankreich und der Schweiz waren dort Teilnehmer zu finden, jung wie alt. Einige kamen auch aus NRW, die wir dort kennen gelernt haben. Geleitet wurde dieser Förderkurs von Frau Lotti Blum aus der Schweiz. Eine beeindruckende Frau, die mit viel Liebe, Kraft und Fleiß ein wunderbares, taubblinden gerechtes Programm gestaltete. Schnell freundeten wir uns an.

Erstes Treffen am 6.8.1994


Als wir dann wieder nach Hause fuhren, war uns klar, dass wir uns als kleine Gruppe in zentraler Nähe weiter treffen mussten, um so der lähmenden Isolation ein Ende zu bereiten. Da ich Mitglied im Vorstand des Förderverein Recklinghausen und zu der Zeit mit Frau Bärbel Utech, die ebenfalls Mitglied im Vorstand des Fördervereins war, gut befreundet war, beschlossen wir den Förderverein zu fragen, ob wir dort eine Räumlichkeit bekommen können, damit wir uns dort als Gruppe einmal im Monat treffen können. Das stieß auf Anklang, aber löste auch etwas Befremdendes aus, das aber schnell aus dem Weg geräumt werden konnte, und so entstand unser erstes Treffen, welches dann am 6.8.1994 in den Räumlichkeiten des Gehörlosenzentrums Recklinghausen stattfand. Mit dabei waren der Gehörlose Norbert Rinsche mit seiner taubblinden Frau Margit und deren hörenden Sohn Sebastian, der taubblinde Thomas Müller mit seiner Schwester Ilona, der taubblinde Heinrich Hellmann mit seiner gehörlosen Frau Carola, meine Geschwister Annelie und Michael Besten, Bärbel Utech, Sandra Klute und ich, die wir die treffen anleiteten. Von den Gehörlosen und zwei hörenden Helfern wurden wir auch noch unterstützt. So gab es schnell ein zweites Treffen am 10.9.1994. Nach diesem Treffen bekam ich von den Helfern die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte diese Gruppe weiter zu leiten und aufzubauen. Da es für mich eine herausfordernde Aufgabe war, nahm ich diese Aufgabe gerne an. Durch die Hilfe von Norbert Korte, der im Paritätischen Wohlfahrtsverband und, zu dieser Zeit auch im Förderverein für Gehörlose tätig war, stellten wir, Norbert Korte, Sandra Klute und ich, den ersten Antrag um Fördermittel für diese Gruppe zu bekommen. Der wurde leider abgelehnt, mit der Begründung, für Treffen mit Kaffee trinken und gemeinsames zusammen sein, gäbe es keine Fördermittel. 

Was ist Glück? Bei den ersten Veranstaltungen kam viel Freude auf


Mitgliederwerbung führte zu steigenden Teilnehmerzahlen.

Unsere Mitglieder unterstützen unsere Arbeit. Möchten Sie auch Mitglied werden?

Trotz der ersten Enttäuschungen und Kränkungen gaben wir nicht auf. Nobert Rinsche gab sich auch stark in die Gruppenvorbereitungen ein, und so waren wir ein unschlagbares Team. Um Mitgliederwerbung gab ich viel Zeit und Kraft auf. Die jeweiligen monatlichen Treffen standen nun immer unter einem Thema. Am 25.2.1995 konnten wir eine Karnevalsfeier mit fast doppelt so viele Teilnehmern und ihren Angehörigen feiern. Durch taubblinden gerechte Spiele, Tanzen und das Zusammensein kam viel Freude auf.

So konnten wir dann am 24.6.1995 unser erstes großes Sommerfest feiern, welches das Thema: „Was ist Glück?“ hatte. Dort wurde zum ersten Mal in einer großen Gruppe thematisch gearbeitet. Wir waren zu der Zeit 15 taubblinde Menschen, plus 15 Begleitpersonen, die aus der Familie waren, sprich deren Angehörige. An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass die Gehörlosen aus dem GLZ uns ganz wunderbar unterstützten. Sie kochten Kaffee für uns, deckten den Tisch und servierten Kuchen. Das ganz treu und liebevoll, bei jedem folgendem Treffen. Dafür bin ich heute noch dankbar.

Am 17.12.1995 gab es dann unsere erste Weihnachtsfeier. In dieser Zeit war die Gruppe gewachsen und es fielen mehr schriftliche Arbeiten an. So stellte Norbert Rinsche seine Zeit und Kraft in diese Gemeinschaft und übernahm die Aufgabe der schriftlichen Arbeiten. 1996 gab es zusätzlich zu dem Treffen eine Gymnastik-Einheit mit einer Fachkraft.

Das Frühlingsfest am 23.3.1996 war das Highlight des Jahres. Es waren 120 Personen im Raum. Gehörlose, Hörende und Taubblinde waren eingeladen. Die Trommelgruppe "Pour Tous" spielten für uns und gab allen, die das Trommeln kennen lernen wollten eine kurze Einführung. Auf Holzpodesten legten sich die Gehörlosen und taubblinden Menschen hin und die Gruppe Pour Tous gab ihnen den Rhythmus mit Trommeln und Digeridoos zu ihren Körpern. Zum ersten Mal konnten sie Musik fühlen. Die allermeisten taubblinden Menschen wollten das Podest deswegen gar nicht mehr verlassen. Das war eine Freude.

Ab diesem Jahr folgten jeden Monat treffen. Bis dann im Dezember 1998 bei unserer Weihnachtsfeier Dieter Zelle vorgestellt wurde und eine gesunde, gewachsene Gruppe übernahm. Da meine Schwester Annelie und meine Schwester Ruth inzwischen Pflegefälle geworden waren, musste ich mich mehr um die Pflege meiner Schwestern kümmern und konnte diese Gruppe darum nicht mehr weiter führen. Dieter Zelle hat sie übernommen und weitergeleitet. Anders als ich, aber sie existiert noch. Derzeit hat Dieter Zelle den Gruppennamen geändert und die Gruppe hieß nicht mehr „Taubblindenkreis“.

Inzwischen sind meine beiden Schwestern Annelie(2004) und Ruth (2007) verstorben. Mein Bruder Michael und ich können nun von dem profitieren, was an Assistenten ausgebildet wurden und werden. An dieser Stelle möchte ich herzlichen Dank sagen für all die Helfer, die unermüdlich trotz Enttäuschungen nicht aufgaben, und weiterhin für die Hilfe und Unterstützung der taubblinden Menschen kämpfen.

In liebender Dankbarkeit für diesen langen Weg, den ich gehen durfte und den jetzt andere weiterführen.

Maria-Magdalena Besten